Eröffnungsrede Hamburg

Herzlich Willkommen zur Feierlichen Inauguration des Zentralrats der Asozialen in Deutschland. Es ist ZAiD. Mein Name ist Tucké Royale und ich ernenne mich hiermit zum Ersten Sprecher des Zentralrats, der sich heute vor Ihren Augen gründet. Nach einer historischen Lücke von 70 Jahren tritt eine Institution in Kraft, die sich gegen das Vergessen der sog. Asozialen einsetzt.
Wir sind nicht hier, um diese Lücke schnell zu schließen. Und wir wollen auch keine weitere Zeit damit verbringen, dass wir uns gegenseitig zurufen „Mut zur Lücke!“. Das Versprechen heißt: Der Zentralrat der Asozialen in Deutschland ist darstellbar. Unsere Methode ist das „Pre-Enactment“. Wir stellen keine historischen Ereignisse nach, wir stellen sie her. Ab sofort gibt es einen Zentralrat der Asozialen. Wir laden Sie ein dabei zu sein. Wir setzen auf Versammlung und Teilhabe. Der ZAiD ist ein Ort des Zusammenhalts und der Freundschaft.
Der ZAiD ist ein Veröffentlichungsapparat der unerhörten Zeugnisse Ausgegrenzter.
Wir fordern die Bundesregierung auf, den versäumten Dialog mit Zentralräten, Gedenkstätten, Initiativen und gesamtgesellschaftlich aufzunehmen. Als Zentralrat fordern wir die immaterielle wie materielle Entschädigung der als „asozial“ Verfolgten. Wir wollen keine zentrale Kranzabwurfstelle. Wir fordern eine Vielzahl von Gedenkorten für die als „asozial“ Verfolgten. Der Zentralrat verlangt von den Bildungsministerien aller Länder eine ressentimentfreie Erwähnung der sog. asozialen Opfergruppe in Schulbüchern und im Geschichtsunterricht.

Der ZAiD steht gegen die weitere Privatisierung vormals öffentlicher Räume ein. Der Stadtraum gehört allen und muss für alle stehend, sitzend und liegend benutzbar sein.
Der ZAiD fordert von Bund und Ländern die Bereitstellung von angemessenem Wohnraum für Wohnungslose.
Der ZAiD fordert die Abschaffung der Hartz-IV-Gesetze.

Der Zentralrat der Asozialen fordert eine Realpolitik, die beständig aus der Geschichte lernt. Wer waren die sog. Asozialen?

Eine Besonderheit, der von den Nationalsozialisten als „asozial“ Verfolgten war, dass sie vor allem keine einheitliche Gruppe darstellten. Außerdem ist spezifisch, dass die als „asozial“ Denunzierten, Inhaftierten, Zwangssterilisierten und in Arbeitshäusern zu Zwangsarbeit Verpflichteten sich niemals selbst mit dieser Fremdzuschreibung identifizierten. „Asozial“ ist eine tautologische Konstruktion: Asozial sind die Asozialen. Diese moralische Abwertung traf u.a. Arbeitslose, Obdachlose, Stricher, Bettler, Kunden, Vagabunden, Landstreicher, Prostituierte, Lesben, Trinker, Unterhaltssäumige und Fürsorgeempfänger, zu Teilen auch Juden, Schwule, Sinti und Roma, und sog. Kriminelle. Niemand von denen war asozial. Wie auch niemand sonst asozial ist.
Die nationalsozialistische Gesellschaft beruhte auf Entsolidarisierung, Ausgrenzung, Kriminalisierung und Prekarisierung derer, die Opfer der Politik (ZITAT) „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurden und schickte diese häufig als „Gemeinschaftsfremde“ in den Tod.

Wir wollen uns gar nicht erst in die Denkmuster der Nazis einfühlen. Es ist sich in den vergangenen Jahren, viel zu sehr damit befasst worden, was das Lieblingsessen von Nazis war und wie sie Sonntagsspaziergänge gemacht haben. Im öffentlich-rechtlichen Abendprogramm haben viel zu viele Schauspielerinnen und Schauspieler am Waschbrett stehend oder im Bunker zitternd ihr Talent an Nazis verschwendet. Wir gründen lieber einen Zentralrat der Asozialen.
Der Nationalsozialismus hat den Rechtsstaat sehr früh abgewickelt. Das bedeutet, dass die Justiz zwischen 1933 und 1945 nicht rechtmäßig war. Und trotzdem wurden die Urteile gegenüber z.B. als asozial und kriminell Verfolgten nach 1945 weder geprüft noch aufgehoben. Das ist ein Indikator dafür, dass den nationalsozialistischen Urteilen ein Teilglaubwürdigkeit erwiesen wurde und die ist Basis für die Weiterführung zutiefst anti-demokratischer und anti-rechtsstaatlicher Sozialpolitik.
Das Bundesentschädigungsgesetz von 1953 erkannte erst einmal nur Menschen als Opfer des Nationalsozialismus an, die (Zitat) „aus Gründen politischer Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus oder aus Gründen der Rasse, des Glaubens oder der Weltanschauung durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen“ verfolgt wurden und hierdurch „Schaden an Leben, Körper, Gesundheit, Freiheit, Eigentum, Vermögen, in ihren beruflichen oder in ihren wirtschaftlichen Fortkommen“ erlitten haben.
Es ist skandalös, dass nicht alle von den Nazis Verfolgten nach 1945 als solche anerkannt wurden. Das Bundesentschädigungsgesetz brach die Perspektive der Verfolger nicht auf. Die vorangegangene Diskriminierung wurde fortgesetzt und die Aufspaltung in Opfergruppen beibehalten.
Die als „asozial“ Verfolgten kamen in BRD wie DDR NS-Aufarbeitung nicht vor. In beiden deutschen Staaten wurde dieser Opfergruppe nach wie vor eine Minderwertigkeit zugeschrieben. Die als „asozial“ Verfolgten bekamen per Gesetz und in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht einmal ihren Opferstatus anerkannt. Zudem hatte diese heterogene Gruppe keine Lobby. Die wenigen Verbände erhielten kein Echo.

Die Heimerziehung der 1950-er und 60-er Jahre zeigt wie wenig sich das gesellschaftliche Klima nach der Befreiung veränderte.
Dass angeblich verwahrloste Jugendliche in Betreuung gehören und dass sog. Schwachsinnige eingewiesen und ihrer Freiheit beraubt werden müssen, blieb nach 1945 allgemeiner Konsens.

Der Zentralrat der Asozialen in Deutschland verlangt zum 70. Jahrestag der Befreiung eine sofortige moralische und finanzielle Entschädigung aller durch die Nazis Verfolgten. Verstümmelung wie beispielsweise bei einer Sterilisierung kann ja nicht wieder gut gemacht werden. Wir fordern, dass sich die Bundesregierung zu allen Verfolgten bekennt. Der ZAiD sichert allen Opfern einer menschenverachtenden Politik zu: „Es ist nicht eure Schuld. Ihr habt nichts falsch gemacht.“
Ein „das ist ja asozial“ oder „sei nicht so assi“ geht schnell über die Lippen. Die Art der Beschimpfung und Ausgrenzung ist geblieben, es fehlt die Information über die historische Schuld den sog. asozialen Opfern gegenüber.

Menschen werden nach wie vor an ihrem Beitrag zum Bruttosozialprodukt gemessen. Es braucht eine Inventur der bestehenden Werte „Arbeit“ und „Leistung“. Die Frage, ob diese Werte wirklich brauchbar sind für ein würdevolles und gemeinschaftliches Zusammenleben werden wir ab jetzt unablässig stellen. Ist es wirklich notwendig, dass Arbeit und Leistung die Eintrittspforte zur gesellschaftlichen Teilhabe sind und dass sich Anerkennung nur durch Produktivität und Konsum erreichen lässt?

Der ZAiD solidarisiert sich mit denjenigen, die gegenwärtig Opfer aggressiver Polemik werden und denen Strafmaßnahmen angedroht werden, weil sie nicht in entlohnten Arbeitsverhältnissen stehen. Der ZAiD steht für all jene ein, denen keine selbstverständliche Unterstützung der Gesellschaft zuteil wird.
Der ZAiD fordert ein gemeinschaftliches Zusammenleben ohne Liebesentzug.
Der ZAiD solidarisiert sich mit dem Bundeskongress der Straßenkinder und mit allen, die ein Zuhause verloren haben. Wir unterstützen die dringende Bitte an das Bundesfamilienministerium zur Obdachlosigkeit bei Jugendlichen eine Studie einzuholen. Der Zusammenhang zwischen Obdachlosigkeit und körperlicher Gewalt, Missbrauchserfahrung und Diskriminierung in Familie und Partnerschaft muss untersucht werden. Diese Gewalt trifft nicht selten Frauen, Kinder und Jugendliche, Queers und Transgender. Der ZAiD fordert präventiv etwas gegen Gewalt in Beziehungen und Familien und gegen die Ausgrenzung von LGBTIQs zu tun. Es darf nicht weiter berichtet werden, dass jemand Schuld an der eigenen Lebenslage ist. Die Bundesregierung quält die von Armut und Wohnungslosigkeit Betroffenen durch ihre Verwaltung. Der partnerschaftliche Dialog mit Prekarität ist mehr als ein Verwaltungsakt.
Es ist ZAiD.
Der Versammlungsort des ZAiD ist ein Ort ohne moralische Urteile übereinander. Treten Sie in den Zentralrat ein! Werden Sie Kompliz_in!
Es ist gut, dass Ihr alle da seid, denn das ist ein historischer Moment.

 

Was steht an?

  • Es muss ein Forderungskatalog an die Bundesregierung geschrieben werden.
  • Es müssen Buttons gemacht werden.
  • Es müssen Briefe geschrieben und an die Bildungsministerien aller Länder geschickt werden.
  • Wissen muss zusammengetragen werden.
  • Das Archiv muss aufgebaut werden.
  • Aufkleber müssen verteilt werden.
  • Morgen muss der Schwebende Kaffee eingeführt werden.
  • Am Freitag müssen wir Unmögliche Orte mit Zinken markieren.
  • Am Samstag muss die Seilschaft der Hamburger Kompliz_innen gegründet werden.
  • Es muss Klee gepflanzt werden.
  • Wir müssen mehr werden, bringt Leute mit.

Also es gibt viel zu tun. Es ist ZAiD.

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