Rückblick: Was bisher geschah

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Der 18.03.2015 war Feiertag.

Es wurde ein Band durchschnitten, es wurde eine Rede gehalten. Es wurde gegessen, getrunken, abgewartet und heiß diskutiert.

Es gibt jetzt einen Zentralrat!

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„Nach einer historischen Lücke von 70 Jahren tritt eine Institution in Kraft, die sich gegen das Vergessen der sog. Asozialen einsetzt. Wir sind nicht hier, um diese Lücke schnell zu schließen. Und wir wollen auch keine weitere Zeit damit verbringen, dass wir uns gegenseitig zurufen ‚Mut zur Lücke!‘. Das Versprechen heißt: Der Zentralrat der Asozialen in Deutschland (ZAiD) ist darstellbar“, sagte der Erste Sprecher, Tucké Royale in seiner Eröffnungsrede und stellte dann erste Forderungen des ZAiD vor:

  • Wir fordern die Bundesregierung auf, den versäumten Dialog mit Zentralräten, Gedenkstätten, Initiativen und gesamtgesellschaftlich aufzunehmen.
  • Als Zentralrat fordern wir die immaterielle wie materielle Entschädigung der als „asozial“ Verfolgten.
  • Wir wollen keine zentrale Kranzabwurfstelle. Wir fordern eine Vielzahl von Gedenkorten für die als „asozial“ Verfolgten.
  • Der Zentralrat verlangt von den Bildungsministerien aller Länder eine ressentimentfreie Erwähnung der sog. asozialen Opfergruppe in Schulbüchern und im Geschichtsunterricht.
  • Der ZAiD steht gegen die weitere Privatisierung vormals öffentlicher Räume ein. Der Stadtraum gehört allen und muss für alle stehend, sitzend und liegend benutzbar sein.
  • Der ZAiD fordert von Bund und Ländern die Bereitstellung von angemessenem Wohnraum für Wohnungslose.
  • Der ZAiD fordert die Abschaffung der Hartz-IV-Gesetze.
  • Der Zentralrat der Asozialen fordert eine Realpolitik, die beständig aus der Geschichte lernt.

Die Rede ging sofort in eine lebhafte Grundsatzdiskussion über. Es wurde besprochen, ob das Unternehmen, einen Zentralrat zu gründen nicht an sich zweifelhaft sei – und vor allem um eine Strategie im Umgang mit dem Wort „Asozial“ im Namen des Zentralrats ging es immer wieder: Müsste es nicht „Zentralrat der als ‚asozial‘ Verfolgten“ heißen? „Zentralrat der ‚sogenannten Asozialen'“? Oder sollte das Wort offensiv genutzt werden, gerade weil es immer noch im Umlauf ist und sich heute wie damals als diskriminierendes Schimpfwort und willkürliche Fremdzuschreibung kursiert. Ein Diskutant zog eine Parallele zur LGBTIQ*-Bewegung und schlug vor, sich das Wort „asozial“ im Rahmen einer Empowerment-strategie anzueignen und es als Selbstzuschreibung zu verwenden, gerade weil es belastet und konflikthaft ist. Ob es dazu notwendig ist, selber Nazi-Unrecht erlitten zu haben oder ob es reicht, schonmal als „asozial“ beschimpft worden zu sein oder sich zugehörig zu einer der Gruppen sozial Marginalisierter zu empfinden, die damals zu den hauptsächlich Verfolgten gehörten oder heute an den Rand gedrängt werden, ist noch nicht erklärt. Aber viele Stimmen sprachen sich dafür aus, den ZAiD als Werkzeug für praktische Solidarität zu verwenden, in dem zusammen mit gedenkpolitischen Forderungen auch immer wieder die soziale Frage gestellt wird, in Bezug auf das problematische Erbe, das in diesem Wort steckt. Dafür könnte es zum Beispiel hilfreich sein, dass sich alle als „asozial“ bezeichnen, einfach weil niemand „asozial“ ist. Denn die Kritik an Bänker_innen und Steuerhinterzieher_innen, so bemerkte Tucké Royale, ist auch machbar, ohne ihnen vorzuwerfen, „die wahren Asozialen“ zu sein und sich dabei abermals auf die Annahme eines nationalen Kollektivs zu berufen, das der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ nicht fern ist.IMGL0789IMG_0212 Die sich ständig erweiternde Wandzeitung und die Bibliothek des ZAiD wurden gesichtet, unser Forderungskatalog mit Beiträgen versehen und in vielen Einzelgesprächen beim Essen weiterdiskutiert. Auch in der zweiten Gesprächsrunde ging es oft um die Frage danach, wer der ZAiD sein könnte und wen er eigentlich vertreten kann und soll. Wie soll eine junge Generation im 21. Jahrhundert, 70 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus das Gedenken wachhalten und weiterentwickeln? Geht das über Empathie und Solidarität mit Menschen, die man nie gekannt hat und, im Fall der sogenannten „Asozialen“, sogar in Bezug auf ein Stigma, das die konkret Betroffenen in den meisten Fällen abgelehnt haben und nicht weitertragen wollten? Welche Rolle spielen dabei Gesetze und wie verhält sich der ZAiD zu anderen Kämpfen, zum Beispiel den antirassistischen Initiativen von Non-Citizens und Geflüchteten? Ist es möglich, die Kontinuität einer Fixierung auf Arbeit, Leistung und Verwendbarkeit anzugehen, ohne unzulässige Parallelen zu ziehen?

Wir haben uns vorgenommen, das zu versuchen.  IMG_0234 IMG_0235

 

An den folgenden Tagen wurde in Hamburg der „Schwebende Kaffee“ eingeführt, wir haben Filme geguckt  (u.a. „Die Akte meiner Mutter“ von Elke Wahls) und mit verschiedenen Akteur*innen und Besucher*innen diskutiert.

Wir freuen uns über Voyeurismus und Kompliz_innen! Es ist nämlich viel zu tun.

Es muss ein Forderungskatalog an die Bundesregierung geschrieben werden.

Es müssen Buttons gemacht werden.

Es müssen Briefe geschrieben werden und an die Bildungsministerien aller Länder.

Wissen muss zusammengetragen werden.

Das Archiv muss aufgebaut werden.

Aufkleber müssen verteilt werden.

Morgen muss der Schwebende Kaffee eingeführt werden.

Am Freitag müssen wir Unmögliche Orte mit Zinken markieren.

Am Samstag muss die Seilschaft der Hamburger Kompliz_innen gegründet werden.

Es muss Klee gepflanzt werden.

Wir müssen mehr werden, bringt Leute mit.

Es ist ZAiD!

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Alle Bilder (c) Selim Sudheimer

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